Blauwasser-Törnbericht von Vici

Sorry, bereits vor einem Monat von Vici geschickt, aber in einer falschen Schublade gelandet. Asche auf mein Haupt… (Poldi)

Liebe Joersfelder!
Viele von euch haben es vielleicht noch nicht mitbekommen, aber auch ich bin nun zu den Blauwasser-Seglern mutiert. Nachdem mein Mann und ich einige Jahre gechartert oder uns Boote von Freunden „geliehen“ haben, ist nun seit knapp einem Jahr eine Beneteau First 40.7 unser neues Familienmitglied. Wir haben sie in Belgien von einem Regattasegler gekauft und im Winter an zwei kalten Wochenenden von Breskens über Scheveningen und Den Helder nach Cuxhaven überführt, wo wir in der Segler Vereinigung Cuxhaven eine neue Heimat für „Andrea Louise“ gefunden haben. Sie ist 1 1.9m lang, 3.8m breit und hat einen Tiefgang von 2.4m, wird also leider nie den Weg in den JSC schaffen.

Diesen Sommer haben wir uns noch einmal eine drei Monatige ElternZeit genommen. Die Corona Zeit mit drei Kindern im Vollzeit Homeoffice und starker Arbeitsbelastung hat uns ganz schön zugesetzt. Wir haben eingesehen, dass wir ein paar Monate ohne Druck und Zwänge, Zeit für uns als Familie ohne Einfluss von Terminen und dem Alltäglichen brauchten. So sind wir 5 – wirklich dankbar dafür , dass wir uns diesen Luxus in diesen Zeiten leisten können – im Mai in See gestochen. Ursprünglich sollte der Weg in die Bretagne, zum Golf du Morbihan und zur Belle Île führen, wo wir zuletzt vor ein paar Jahren u.a.mit Olaf Mierheim (auch Vorschoter bei Arne auf dem Piraten) und Martin Hauptmann den Arianes Cup gesegelt sind.

Ich persönlich bin sehr begeistert von dem Revier und wollte es unbedingt den Kindern zeigen. Leider beobachten wir seit Monaten, dass der Wind auf der Nordsee dieses Jahr eher selten Kinder tauglich ist. Da wir mit unseren drei kleinen Kindern (die Zwillinge sind 4 und der Große 6) unterwegs sind, haben wir uns dann kurzfristig am Tag des Ablegens umentschieden und sind doch durch den Kiel Kanal in die Ostsee gefahren. Auch in der Kieler Förde hatten wir am ersten T ag konstante 24 Knoten Wind und Ostsee Kabbel Welle – 2 von 3 Kindern waren eher mäßig begeistert und die Fische konnten sich über Futter an diesem Tag nicht beklagen. In dem Moment war ich doch froh, nicht Richtung Süden gestartet zu sein. Es ging von Kiel in ca. 8 Std nach Assens, ca 60sm nördlich auf Fünen, da wir eine Party Einladung in der Nähe hatten. Es ist ein toller Ausgangspunkt um zwischen den Inseln und dem dänischen Festland hin und her zu segeln. Da die Ferien noch nicht begonnen hatten, waren die Häfen leer und wir genossen die Einsamkeit auf dem Meer . Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie sehr mich das Langstrecken-Segeln beruhigt und wie entspannend es ist, wenn das Handy kein Netz mehr hat. Auch den Kindern merken wir an, dass die Ruhe und das Fehlen der Medien nur positive Auswirkungen hat.

Wir haben je nach Wetter und Wind jeden T ag spontan entschieden wo es weiter hingeht. In unserem Alltag zuhause sind wir sehr fremdbestimmt durch Kitazeiten, Termine im Büro und den ganzen Aktivitäten die die Kinder Nachmittags haben. Für die Zeit auf dem Boot haben wir uns nun, nach der Fahrt in die Ostsee, bewusst keine Route mehr gelegt. Wir segeln einfach dorthin wo die Sonne scheint und der Wind gut ist. Wir müssen schließlich keinem beweisen, dass wir segeln können und auch nicht so weit wie möglich segeln. Auch gibt’s hier keinen Tidenhub der uns zwingt, früh aufzustehen. Für zwei Menschen die voll in der Leistungsmaschinerie groß geworden sind, ist das ein ziemlich zu lösender Knoten im Kopf.

Bei Ebeltoft beschlossen wir , nördlich um Sjælland nach Helsingør zu segeln, bevor dort die Round Zealand Regatta startete. Auf der Strecke nördlich von Sjælland setzen wir auch endlich den Gennaker und konnten mit 10-12 Knoten Bootsgeschwindigkeit richtig Strecke segeln. Wirklich fantastisch. Es ging weiter nach Kopenhagen von wo aus wir nach Höllviken in Schweden gesegelt sind um durch den Falsterbo Kanal weiter nach Ystad zu segeln. Wir haben in der Gegend einige Bekannte und konnten sowohl in Dänemark als auch in Schweden immer wieder Freunde besuchen und Klamotten waschen. Für die Kinder eine willkommene Abwechslung mit Gleichaltrigen zu spielen und zwischendurch immer wieder ein paar Tage an Land zu verbringen. Es ging weiter bis Karlskrona, wo uns nicht nur einige Fregatten begegneten sondern auch auf einmal U-Boote auftauchten. Für die Kinder ein Highlight, für uns Erwachsene ein Zeichen, dass die Schweden doch in erhöhter AlarmBereitschaft sind. Kurz zuvor hatte die schwedische Marine einen Übungseinsatz vor der Küste beendet. Schon in der Kieler Förde wurde eine Militärübung über Funk angemeldet; ehrlich gesagt löste das bei uns keine guten Gefühle aus.

Wir segelten bei traumhaftem Wetter weiter nach Kalmar und Öland und genossen das Mittsommerfest mit einer Horde besoffener Schweden. Zwischen dem Festland und Öland hatten wir zwei Tage Südwind und konnten endlich den Spi setzen. Erst hatte ich richtig Muffensausen mit den Kindern an Bord und nur 4 Händen dieses 70qm Ungetüm hochzuziehen, aber mein Mann konterte „das sei schließlich der kleine Spi, er hätte den Großen ja gar nicht eingepackt“. Was sollte ich dem entgegenhalten! Und ich gebe offen zu, ich habe die Fahrt unter Spi wirklich genossen. In diesen Momenten kommt die Jollenseglerin voll in mir durch.

Vermutlich habe ich es da etwas übertrieben, denn auf einmal knallte irgendwas laut und der Spi wurde zur riesigen Flagge. Die Luvschot war am Spleiß gerissen und nun flatterte eine 70qm Flagge am Mast. Da es aber noch ein paar Seemeilen bis zum Hafen waren, knüpften wir einfach mit ein paar Knoten alles wieder zusammen und zogen den Spi wieder hoch. Unsere Tochter , die gerade an Deck spielte, hat von dem ganzen Theater nix mitbekommen und war noch immer im Spiel vertieft. So viel zum Thema Gelassenheit an Bord! Es ging weiter über Borgholm nach Byxelkrok, einem wirklich sehr netten kleinen Hafen. Von Byxelkrok segelten wir über einen Dank viel zu warmer Ostsee gelben Algenteppich nach Visby auf Gotland. Wir hatten tollen, auffrischenden Wind und zur Sicherheit hatten wir noch die Reffs im Groß um schnell handeln zu können. Manchmal denke ich, wir haben einen sehr guten Glücksengel, denn auch auf dieser Strecke knallte ein Spleiß am Unterliek und dank des Reffs wurde das Groß nicht zur nächsten Flagge am Mast.

Ich frage mich, ob wir in Belgien vielleicht noch einen Spleiß-Kurs anbieten, denn das ist scheinbar nicht deren Stärke. Auf Gotland blieben wir ein paar Tage, denn wir hatten uns spontan überlegt nach Ventspils und durch die Rigaer Bucht zu segeln. Wir nahmen mit finnischen Seglern Kontakt auf und dachten uns nach den Gesprächen, dass das eine geniale und absolut machbare Idee wäre. Nördlich genug um nicht mit Kaliningrad in Konflikt zu kommen und weit genug entfernt von St Petersburg. Aber wie so immer , kommt es anders als gedacht. Die Kinder wollten nach Norwegen zu den Großeltern segeln. Und unsere Tochter äußerte nun nach 6 Wochen an Bord langsam den Wunsch nach längeren Pausen in den Häfen. Nachdem dann auch der Motor von unserer Ankerwinsch den Geist aufgab, der Wind wieder stärker wurde und die Vorstellung, die Åland Inseln praktisch ohne Anker absegeln zu müssen nicht so richtig attraktiv war, kehrten wir kurz entschlossen um. Die neue Richtung war an Göteborg vorbei zu Oma und Opa nach Norwegen zu segeln. Wir blieben noch ein paar Tage bei Freunden in Färjestaden auf Öland und genossen wunderschönes Sommerwetter und die Strände neben dem Hafen. Ab da hatten wir 10 Tage Westwind und kämpften uns Richtung Westen zurück. An einem T ag mit Südwest legten wir eine 20stündige knappe 130 meilen Tour hin, um alles auszunutzen. Kurzfristig meldete meine Mutter , dass sie spontan auf einer Feier in Schleswig Holstein war, sie könne ja mit uns weiter segeln. Also segelten wir von Dragør nach Süden weiter.

Vor Klintholm hatten wir in Böen mehr als 30 Knoten Wind und setzten zum ersten Mal statt der Genua unsere kleinere Carbon Fock ein. Das sollte sich als absoluter Fehler herausstellen, denn beim Segel Wechsel achteten wir nicht auf unser viel benutzes Genaker Fall, welches sich, da die Fock kürzer geschnitten ist, um das Vorstag Profil legte und verhedderte. Als wir vor dem Hafen bei Wind und Welle die Fock einrollen wollten war alles verklemmt und nix ging mehr. Weder Einrollen noch runterholen, es war wie verhext, nichts bewegte sich. Wir konnten nach mehreren unterschiedlichen Ansätzen am Ende nur mit purer Gewalt das Segel einrollen, dabei brach aber das obere Profilstück vom Vorstag ab und die Fock war im Unterliek gerissen und um eine Segellatte ärmer. Die Kinder fanden das Spektakel wahnsinnig spannend und fragten, ob Papa öfter vorne auf Deck rumtanzen könnte. Die Genua konnten wir nun nicht mehr setzen (es fehlte ja Profil im Top), uns blieb also nur noch die Sturm-Fock. Statt mit einem Durchschnitt von 6-7 Knoten waren wir jetzt auf 4-5 Knoten Geschwindigkeit reduziert. Der Wind wehte mittlerweile mit 37 Knoten Spitze in den Böen und wir hingen ein paar Tage in Gedser fest. Meine Mutter holten wir in Rostock ab und besuchten Arne, der gerade mit seiner J70 in Warnemünde angekommen war.

Da unser Rigger in der Nähe von Bremen sitzt und wir mit dem Schaden nicht nach Norwegen weiter segeln konnten, haben wir kurzerhand das Boot nach Cuxhaven zurück gesegelt und die Ersatzteile abgeholt. Auch steht jetzt eine neue Ankerwisch bereit, die auf Einbau wartet. Wir werden uns jetzt um das Upgrade unserer tollen Yacht kümmern, aber erstmal die Familie in Norwegen besuchen. Bestimmt legen wir dann nochmal ab um ein paar kleine Törns um die Nordseeinseln zu machen. Die Kinder jedenfalls waren sich sicher, dass Andrea Louise alleine zu traurig ist und haben die Kuscheltiere an Bord gelassen.

Für den Moment geben wir uns mit den 1200 Seemeilen zufrieden die wir in den letzten zwei Monaten hinter uns gelassen haben und sind froh, dass wir so viel Glück mit Wind und Wetter hatten!

Herzliche Grüße aus Cuxhaven und bis ganz bald in Berlin,
Eure Vici mit Kris, Roald, Carl und Frieda

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